Hochwasser

Wie Gemeinden sich für den Ernstfall wappnen

Text: Tim Schröder

Seid bereit!

Mit dem Klimawandel könnte es in Deutschland künftig immer öfter plötzliche Hochwasser aufgrund starker Regenfälle geben. So erlebte etwa die Stadt Grimma in Sachsen in nur elf Jahren gleich zweimal eine Überschwemmung. In der Folge wurde der Hochwasserschutz in Sachsen massiv ausgebaut – dabei halfen Risikoanalysen und sozialwissenschaftliche Studien von Experten aus dem REKLIM-Verbund.

Grimma hat es gleich zweimal erwischt: das erste Mal im August 2002 und dann wieder im Juni 2013. In beiden Jahren hatte es im Sommer heftig geregnet, wodurch die ansonsten so beschaulich dahinfließende Mulde über die Ufer trat. Die Mulde, ein Flüsschen im Norden Sachsens, flutete die Altstadt Grimmas. Keller und Erdgeschosse liefen voll. Allein beim ersten Hochwasser entstanden Schäden in Höhe von 250 Millionen Euro. Niemand hatte damit gerechnet, dass so etwas in nur elf Jahren gleich zweimal passieren könnte. Denn beide Fluten waren sogenannte Jahrhundert-Hochwasser, die rein statistisch eben nur einmal in 100 Jahren auftreten sollten. Doch in diesem Fall folgten sie schnell aufeinander. Ein solcher doppelter Schicksalsschlag trifft die Menschen besonders hart. Prof. Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig fragte sich, was so etwas mit den Menschen macht, wie es den Zusammenhalt, die Solidarität in einer Gemeinde verändert. Und noch etwas wollte er herausfinden: Wie kann sich eine Stadt wie Grimma künftig vor solchen Überflutungen schützen? Für viele Regionen in Deutschland und Europa ist das eine Schicksalsfrage, denn viele Experten warnen inzwischen davor, dass Starkregen künftig häufiger auftreten werden. Und dadurch steigt die Gefahr schwerer Überschwemmungen.

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Ein idealer Forschungsrahmen
Reimund Schwarze entschied sich, Grimma in doppelter Hinsicht zu einem Forschungsschwerpunkt zu machen – zum einen im Hinblick auf die Menschen, zum anderen mit einem Fokus auf den Hochwasserschutz. Gemeinsam mit Kollegen vom UFZ interviewte er die Bewohner der Stadt. Die Forscher fragten die Bürger, ob und wie sie sich nach 2002 besser vor einem neuen Hochwasser geschützt hätten. Außerdem werteten die Wissenschaftler statistische Daten aus – etwa die Zahl der Zuzüge und die Zahl jener Bewohner, die die Altstadt nach dem Hochwasser verließen. „Ganz klar, ein solches Doppelereignis macht eine Stadt zu einem einzigartigen Experimentierfeld. Wir haben versucht, daraus wichtige Schlüsse für die Zukunft zu ziehen“, sagt Reimund Schwarze. Eine Erkenntnis: Beim zweiten Mal ziehen sich Menschen eher in ihrer Verzweiflung zurück. Die Belastung durch eine zweite Katastrophe ist enorm, sowohl psychologisch als auch ökonomisch, fanden die Forscher heraus. So wurden nach der Flut von 2013 weniger staatliche Hilfsmittel bereitgestellt. Dennoch zeigt sich, dass eine solche Erfahrung die Gemeinschaft stärken kann. Solidarität funktioniere vor allem dann, wenn sich die Menschen einer Gemeinde kennen und die Gemeinschaft nicht durch eine Vielzahl an Zu- und Wegzügen geschwächt werde. In Grimma blieben die meisten – auch nach dem Hochwasser von 2013. Wenn Menschen aus der Altstadt wegzogen, dann meist jene, die hier nur für relativ kurze Zeit gewohnt hatten. Die Alteingesessenen hielten durch. Doch wie schafft man Solidarität? Wie kann es gelingen, dass Menschen bei aller persönlichen Betroffenheit an die Gemeinschaft denken? Heute und vor allem auch, wenn Hochwasser häufiger auftreten sollten. Die Antwort von Reimund Schwarze ist verblüffend einfach: „Solidarität lässt sich üben: weniger in der Katastrophe, sondern vielmehr in der Katastrophenvorsorge. Wer gemeinsam Katastrophenschutz übt, denkt solidarischer.“ Die Frage, ob man sich an möglicherweise häufiger auftretende Wetterextreme gewöhnen könne, beantwortet Reimund Schwarze denn auch mit einem klaren Ja: „Das Leben mit wachsenden Gefahren besteht letztlich darin, dass man sich vorbereitet, solidarisch den Katastrophenfall immer wieder übt und damit den schweren Folgen eines Ernstfalls vorbeugt“, sagt Schwarze, der auch im wissenschaftlichen Beirat und im Vorstand des Deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge aktiv ist. Sinnvoll sei zum Beispiel auch, dass heute noch in manchen Gemeinden am Samstagmitag die Sirenen heulen. Der Warnton rufe den Menschen die Gefahr immer wieder ins Bewusstsein. Das Signal aus Kostengründen abzuschaffen, wie in den meisten Städten in Deutschland seit 1993 geschehen, könne er nicht nachvollziehen.

Hochwasserschutz, zu dem alle stehen
Auch Matthias Berger, Bürgermeister von Grimma, hat Solidarität erlebt. 2002 hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die überschwemmte Stadt besucht. Das Medienecho war entsprechend riesig. Auch die finanzielle Unterstützung, die Spenden, die es anschließend gab. Auch danach hielt man in der Stadt zusammen. Bei der Frage, wie man den Hochwasserschutz gestalten wolle, wurde entschieden, die Bürger zu beteiligen; sie zu fragen, wie man das Bollwerk aus Fluttoren gestalten wolle, damit alle es akzeptieren. Entstanden ist mit Unterstützung durch die Landestalsperrenverwaltung ein Hochwasserschutz, der sich perfekt in das alte Stadtbild mit der schönen Bruchsteinmauer einfügt. „Wir haben 79 Fluttor-Elemente, ein jedes ein Unikat, geschmackvoll in das Gebäude-Ensemble aus unserem Schloss und den anderen Gebäuden eingepasst.“ Matthias Berger zieht seinen Hut vor den Bürgern, sagt er. „Als 2013 das zweite Hochwasser kam, wussten wir ja alle schon, was uns blühte. Zum Teil waren die Schadensfälle von 2002 noch gar nicht ganz abgewickelt. Dass die Leute trotzdem nicht aufgegeben haben, ist enorm.“ Die Flutmauer ist für Grimma inzwischen zu einem Marketing-Schlager geworden. Häufig reisen Expertengruppen aus dem In- und Ausland an, um von diesem Beispiel zu lernen. Dabei wird Matthias Berger nicht müde zu betonen, dass zu einem ganzheitlichen und an den Klimawandel angepassten Hochwasserschutz mehr gehöre als Fluttore. Vielerorts sei die Landschaft versiegelt, Bäche und Flüsse begradigt. Ein Wassertropfen, der im Erzgebirge falle, hätte früher drei Tage gebraucht, bis er in Grimma angekommen sei. Heute rausche der Regen in wenigen Stunden zu Tal. „Was die Renaturierung von Flüssen, die Schaffung von Überschwemmungsflächen angeht, ist noch viel zu tun“, sagt Matthias Berger.

Das Risiko richtig einschätzen
Andererseits hat man in Sachsen in Sachen Hochwasserschutz seit 2002 bereits viel getan. Dazu haben auch Forscher des UFZ beigetragen. Seit Anfang der 2000er Jahre sind die Behörden in der Europäischen Union verpflichtet, Risikokarten zu erstellen und damit gefährdete Gebiete zu identifizieren. Dabei wird berücksichtigt, ob Gebäude in gefährdeten Bereichen stehen, welche ökonomischen Werte dort angesammelt sind oder ob wichtige Infrastrukturen wie die Strom- und Trinkwasserversorgung betroffen sein könnten. Als Umweltökonom war Reimund Schwarze am Entwurf von Risikokarten für den Lockwitzbach nahe Dresden beteiligt, die dort auch heute noch als Grundlage für die Hochwasserbekämpfung dienen. „Diese Risikokarten haben uns ganz klar vorangebracht“, sagt Dr. Uwe Müller, Experte für Hochwasserschutz am Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Die Behörden hätten damit erstmals genau erfassen können, wo Werte akkumuliert und welche Gebiete besonders betroffen seien. Eine Analyse nach dem Hochwasser von 2002 hatte ergeben, dass damals bei einem schweren Hochwasser in ganz Sachsen Schäden in Höhe von 7,2 Milliarden Euro zu erwarten gewesen wären. Dank der Risikoanalyse konnten die Behörden in den folgenden Jahren gezielt jene Gebiete schützen, für die besonders hohe Schäden zu erwarten waren. Mit Erfolg, sagt Uwe Müller: „Als 2013 dann tatsächlich ganz Sachsen betroffen war, beliefen sich die Schäden am Ende nicht auf 7,2 Milliarden, sondern nur noch auf etwa zwei Milliarden Euro.“

Weit mehr als eineWasserstandsmeldung
Uwe Müller und seine Kollegen haben den Hochwasserschutz in Sachsen gleich auf mehreren Ebenen ausgebaut, zum einen durch Baumaßnahmen wie in Grimma, vor allem aber auch im Hinblick auf die Hochwasserwarnung. „2002 waren dafür in den verschiedenen Regionen Sachsens vier Behörden zuständig“, sagt Uwe Müller, „entsprechend verwirrend und teils falsch waren die Warnungen und die Wasserstandsmeldungen, die über die Medien rausgegangen sind.“ Seit 2004 gibt es mit dem Landeshochwasserzentrum eine zentrale Stelle, die Warnungen ausgibt. Und auch die profitiere von Erkenntnissen von Forschern wie Reimund Schwarze. „Wir geben nicht nur einfache Wasserstandsvorhersagen aus, wenn der Regen da ist, sondern für jede Region eine detaillierte Frühwarnung, noch ehe überhaupt ein Tropfen gefallen ist“, sagt Müller mit einem gewissen Stolz. Möglich machen das Rechenmodelle, die zum einen mit meteorologischen Daten vom Deutschen Wetterdienst gefütterten werden, zum anderen aber noch wichtige zusätzliche Parameter erhalten – etwa zur Bodenfeuchte, denn davon hängt ab, wie viel Regen der Boden noch speichern kann. Im Ergebnis können Bürger auf der Internetseite des Hochwasserzentrums für ihre Heimatregionen in Ampelfarben die Hochwassergefahr und die zu erwartenden Pegelstände ablesen.

Drei Strategien: weichen, widerstehen oder anpassen
Natürlich hat eine solche Frühwarnung nur dann einen Sinn, wenn die Bürger auch wissen, was zu tun ist. „Hier haben Forscher wie Reimund Schwarze gute Vorarbeit geleistet, indem sie mit ihrer Arbeit vor Ort dazu beigetragen haben, dass die Menschen ein Risikoverständnis entwickeln“, sagt Uwe Müller. „Darauf bauen wir heute in vielen Projekten auf. Die Menschen sind offen für das Thema und machen mit, wenn es darum geht, Güter zu schützen.“ Dabei gebe es drei Strategien: erstens dem Hochwasser auszuweichen, etwa indem man auf das Bauen in gefährdeten Gebieten verzichtet, zweitens Schutzanlagen zu bauen wie in Grimma, und drittens, sich anzupassen. Im letzteren Fall arbeitet das Landesamt derzeit eng mit Ingenieuren zusammen, die neue Baustoffe entwickeln, die Wasser besser vertragen. Eine pragmatische Lösung sei es auch, in Geschäften die Wände zu fliesen, sagt Uwe Müller. Nach einem Hochwasser ließe sich der Schlamm dann einfach wieder abspritzen. Uwe Müller und Reimund Schwarze sind sich darin einig, dass sich die mit dem Klimawandel zunehmende Gefahr von Hochwasser nur bannen lässt, wenn alle an einem Strang ziehen, die Bürger, die Behörden, die Rettungsdienste. Vor einigen Jahren etablierte der Wissenschaftler in Österreich zusammen mit Kollegen von der Universität Innsbruck einen solchen Prozess, in dem Gemeinden mithilfe von Risikoanalysen lernen, welche Naturgefahren der Bevölkerung drohen und wie sie sich davor schützen können. Heute werden diese Risikoanalysen mit Workshops verknüpft, welche die Firma alpS, eine private Ausgründung der Universität Innsbruck, durchführt. Mehr als 300 Nord- und Südtiroler Gemeinden haben sich damit bereits auf den Klimawandel vorbereitet – nicht nur auf Hochwasser, sondern auch auf Lawinen oder zunehmende Hitze und Trockenperioden. Für Reimund Schwarze ist das eine runde Sache und „vielleicht europaweit die beste Art, wie sich Gemeinden gegen die Klimagefahren der Zukunft wappnen können.“

VORAUSGEDACHT

„Ich wünsche mir für Deutschland und für die wirtschaftlich schwächeren Regionen der EU, dass künftig Gefahren- und Risikokarten flächendeckend benutzt werden. Pläne zum Schutz der Städte und Gemeinden in den Risikogebieten müssen gemeinsam mit deren Bewohnern erarbeiten werden, um die Auswirkungen des Klimawandels eindämmen zu können.“


REIMUND SCHWARZE
Umweltökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Praxisbezug

Gut gewappnet

Extremereignisse wie Starkregen oder Hochwasser müssen nicht zwangsläufig zu Naturkatastrophen führen. Diese lassen sich durch eine detaillierte Risikoanalyse und durch gezielte Vorsorgemaßnahmen vermeiden. Das Beispiel der österreichischen Planungsfirma alpS zeigt, wie ein solcher Prozess idealerweise abläuft.

KOMPAKT

  • Schäden lassen sich verringern, wenn dem Hochwasserschutz eine umfassende Risikoanalyse vorausgeht. In dieser wird untersucht, wie stark kritische Infrastrukturen oder historisch wertvolle Güter gefährdet sind. Erst dann sollten gezielte Schutzmaßnahmen folgen.
  • Die Solidarität zwischen den Menschen ist besonders wichtig, damit eine Gemeinde ein Hochwasser überstehen kann. Eine solche Solidarität lässt sich lernen – unter anderem durch regelmäßige Notfallübungen.
  • Die Hochwasserschäden lassen sich durch ein Bündel an Maßnahmen verringern. Dazu zählt eine computerunterstützte Frühwarnung, eine Anpassung der Gebäude und auch die Aufklärung der Bevölkerung über die Hochwassergefahr und den Selbstschutz.

Beteiligte Helmholtz-Forschungszentren: HZG, KIT, UFZ